Feuilleton vom 14.10.2002


Als der Fräser in der Stadt umging

Auf den Spuren einer spektakulären Passauer Diebstahlserie

Einfach nur eine Lesung war es nicht. Vielmehr ein Stück mit vier Akten. Im Mittelpunkt Passau in den 50er-Jahren. Und die Geschichte eines 16-jährigen Kochlehrlings, der unter dem Decknamen "Der Fräser" 43 Einbrüche verübte und am 23. Februar 1955 gefasst wurde. Auftakt am Freitagabend im Scharfrichterhaus: Stadtarchivar Richard Schaffner eröffnet in der Galerie die Ausstellung über den Fräser. Zu sehen sind (drei Wochen) ein Passauer Stadtplan, auf dem Stecknadeln die Einbrüche markieren, Fotos und Dokumente aus der Vernehmungs- und Ermittlungsakte, alte PNP-Zeitungsbände von 1955, die Titel-Story des "Stern", der die Verhaftung des falschen Einbrechers anprangert. Der war von Beruf Fräser und verhalf damit dem richtigen Einbrecher zum Decknamen. Mit anschaulichen Erinnerungen erzählt Augenzeuge Franz Würdinger - er verteidigte damals als Anwalt einen der Polizisten, die den falschen Einbrecher festnahmen - den Zuhörern, wie sich diese Geschichte zugetragen hat.
Zweiter Teil: "In den Schatten einer alten Stadt". Der Film von 1952 aus dem Stadtarchiv zeigt das Passau der 50er und erinnert an Geschichtsunterricht in der Schule. Übergangslos fügen sich die letzten beiden Teile im Wechsel an. Wir sind bei der Lesung Wolfgang Sréters, der die Ereignisse als Kind miterlebt und den Fall literarisch aufgearbeitet hat. In seinem Roman "Der falsche Fräser" (lichtung verlag Viechtach) sind die Einbrüche der rote Faden durch die Geschichte von Paula, ihrem Mann Leopold, ihrem Bruder Robert und dem Café Nizza. Ruhig liest Sréter kurze Passagen, nur manchmal hebt er seine Stimme, wenn er seine Figuren zu Wort kommen lässt. Die Zuhörer lauschen gebannt. Ab und zu entlockt ihnen der fein gestreute Humor ein Lachen, ansonsten Stille.
Da steigen dann "Unsere Lieblinge" ein. Alex Haas am Kontrabass und Stefan Noelle am Minimalschlagzeug garnieren die Lesung mit Schlagern und Jazzigem aus den 50er und 60er Jahren. Der eine zupft rhythmisch am Bass, der andere streicht mit den Besen übers Schlagzeug, sie spielen Luft-Mundharmonika, erfüllen den Raum mit ihren Stimmen oder singen leise und hingebungsvoll. Alles scheint leicht und improvisiert, doch jeder Ton sitzt. Es erinnert an Musikkabarett. Doch der Humor kommt aus den Liedern und dem Miteinander auf der Bühne. Fast überrundet das Duo die Lesung und wird zur eigentlichen Veranstaltung. Aber nur fast. Sie sind das ideale Wechselspiel zu Wolfgang Sréter an der Prosa.    Silke Lorenz


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